Lisa Hirmer

Meine Erfahrung mit einer Nahrungsmittelallergie

Als Kind hatte ich einmal einen Nesselausschlag (Urtikaria). Damals sind wir zum Arzt, der meinte dass der Ausschlag von den vielen Erdbeeren kommt die ich an dem Tag verdrückt hatte. In den Erdbeeren sei ein Farbstoff, der bei übermäßigem Verzehr oder anfälligen Leuten häufiger allergische Reaktionen auslöst.

Viele Jahre später, da habe ich bereits mit meinem Mann zusammengelebt, bin ich in der Nacht aufgewacht und hatte am ganzen Körper Nesseln. Ich bin zwar etwas erschrocken, wusste ja aber durch das Erlebnis in der Kindheit, dass sie von allein wieder verschwinden. Ich habe dann kurz überlegt, aber Erdbeeren hatte ich zuletzt keine gegessen. Ich dachte mir dann nichts weiter dabei, habe nur meinem Mann kurz Bescheid gesagt dass ich Nesseln habe falls morgens etwas sein sollte (was er am nächsten Tag natürlich nicht mehr wusste).

Aber auch in der darauf folgenden Nacht habe ich wieder einen Nesselausschlag gehabt, diesmal haben sie aber wahnsinnig gejuckt. Es war so schlimm, dass wir den Bereitschaftsdienst angerufen haben was wir tun sollen. Die haben uns ins Krankenhaus geschickt. Dort habe ich Fenistil und ein paar andere Sachen, an die ich mich nicht mehr genau erinnere, bekommen. Ursprünglich wollten sie mich über Nacht zur Überwachung dort behalten, aber haben mich dann auf eigenen Wunsch entlassen und gesagt wenn es mir in der restlichen Nacht wieder schlechter geht solle ich kommen. Außerdem solle ich am nächsten Tag beim Hausarzt vorstellig werden.

Am nächsten Tag wurde mir also Blut abgenommen. Wieder einen Tag später waren bereits die Ergebnisse da: Alles unauffällig, nur der Entzündungswert etwas erhöht, was aber auch von einer vergangenen Erkältung herrühren könne. Ich habe nochmal Fenistil gespritzt bekommen und das war es dann.

Die Nesseln waren für ein paar Tage etwas weniger schlimm, ich hatte nur vereinzelt welche, die auch nicht so sehr gejuckt haben.

Als es wieder schlimmer wurde bin ich nochmal in meiner Heimatgemeinde zum Hausarzt, der meinte nur „Ach, bei einer Nesselsucht findet man oft keine Auslöser. Die verschwindet irgendwann von allein wieder, so lange müssen Sie halt durchhalten.“

Das fand ich jedoch unbefriedigend, da mir die Urtikaria unheimlich viel Lebensqualität genommen hat. Ich habe bei jeglichem Kontakt mit Wärme diese juckenden Quaddeln bekommen. Nachts im Bett, unter der Dusche, an sonnigen Tagen im Auto, an den Füßen wenn ich Schuhe anhatte, unter Strickpulloovern und sogar wenn meine Ellenbogen im Sommer länger das Sofa berührt haben. Um das Jucken halbwegs in den Griff zu kriegen saß ich damals den Großteil des Tages mit Kühlakkus da.

Ich war beim Hautarzt wo der sogenannte Epikutan-Test gemacht wurde. Hierfür werden mögliche Allergene mit einer Art Pflaster auf den Rücken geklebt und nach 1-4 (in meinem Fall 3) Tagen wird überprüft ob eine Hautreaktion vorliegt. In dieser Zeit darf man natürlich nicht Duschen o.ä.
Der Test war unauffällig. Die Hautärztin hat mir empfohlen beim HNO nachzufragen, da diese (laut ihrer Aussage) bezüglich Allergien anders geschult werden.

Eine Woche später hatte ich den Termin beim HNO, der mich ganz verwundert ansah und nicht so richtig wusste was ich bei ihm soll. Einen Prick-Test (Allergene werden auf die Haut aufgetragen, dann wird die Haut leicht eingeritzt und nach ca. 20 Minuten eine Reaktion abgeprüft) hatte ich schon etwa 3 Jahre zuvor machen müssen. Damals wurde eine Reaktion auf Hausstaubmilben und als Kreuzreaktion auf Birkenpollen festgestellt. Ich habe eine spezifische Immuntherapie gestartet, die zu dem Zeitpunkt noch immer lief. Ich habe mit dem Arzt abgeklärt ob diese Therapie der Auslöser sein könnte (ja, das hatte Google ausgespuckt), aber dieser war der festen Überzeugung dass das nicht der Grund sein kann.

Nach einer weiteren schlimmen Nacht bin ich in eine Uniklinik als Akut-Fall. Dort habe ich über 8 Stunden gewartet, bis natürlich nirgends mehr eine einzige Nessel an meinem Körper war. Als ich endlich dran kam durfte ich mir sagen lassen dass sie mir nicht helfen können wenn ich den Ausschlag aktuell nicht habe. Außerdem wurde ich gefragt wie lange ich die Probleme schon habe, worauf ich mit „Gute 5 Wochen“ geantwortet habe. Mir wurde gesagt dass man erst ab 6 Wochen (!!) mit der Diagnostik anfängt, mir wurde ein Zettel in die Hand gedrückt auf dem ein frei verkäufliches Antihistaminikum stand und ich wurde nach Hause geschickt.

Ich war wahnsinnig enttäuscht und gefrustet, beinahe etwas verzweifelt, fühlte mich nicht ernst genommen. Aber zugleich war da weiterhin ein klein wenig Kampfgeist, der gesagt hat dass es so nicht weiter gehen kann.

Kurz darauf sind wir in den Urlaub gefahren, da waren die Nesseln viel seltener ein Problem. Wir dachten es läge vielleicht an der Psyche, dass ich mir Zuhause zu viel Stress mache. Aber dann kam der Sommer und auch da waren die Nesseln komischerweise etwas besser, obwohl sie ja besonders bei Wärme auftauchten.

Mit Antihistaminika konnte ich die Beschwerden zumindest halbwegs unter Kontrolle behalten und habe nach und nach wieder etwas Lebensqualität erhalten. Zugleich war da aber auch immer der Gedanke dass es doch irgendeinen Auslöser geben muss. Ich schrieb Ernährungstagebücher, Symptomtagebücher und vieles mehr, doch einen Auslöser fand ich nicht.

Etwa 1 Jahr nach Beginn der Beschwerden sind wir umgezogen und ich habe die Ausbildung zur Diätassistentin begonnen.

Ich bin zu einem anderen Hautarzt mit gutem Ruf gegangen und habe die Probleme wieder mal geschildert. Dort wurde erneut ein Prick-Test gemacht (unauffällig) und ich sollte noch eine Stuhlprobe abgeben, auch diese war unauffällig. Dort wurde mir allerdings noch eine andere große Klinik in unserer Umgebung empfohlen, die auch die Fachrichtung Allergologie betreibt.

Ich habe mir eine Überweisung geholt und wurde nach mehreren Monaten Wartezeit endlich dort vorstellig. Die erste Ärztin war wahnsinnig nett, hatte Verständnis, eine genaue Anamnese gemacht. Ich wurde auf Druck- und Wärmeallergie getestet, aber alles negativ. Es hieß ich solle in ein paar Stunden nochmal kommen um Spätreaktionen ausschließen zu können. Zuvor hat sie mir allerdings noch ein Rezept für neue, verschreibungspflichtige Antihistaminika die weniger müde machen gegeben.
Als ich später wieder kam, war der Ärztewechsel schon vorbei. Der neue Arzt war leider sehr unfreundlich. Er sagte nur dass ich keine Wärmeallergie habe und wollte mir keine Hilfestellung für weitere Diagnostik geben. Wenn ich gerade eben keine Nesseln habe sei es ja nicht so schlimm und ich solle die Auslöser einfach meiden. Ich habe ihm versucht zu erklären, dass ich den Auslöser ja nicht kenne, sondern auf Wärme reagiere, aber da hat er mir schon nicht mehr zugehört. Ich war den Tränen nahe. Als der Arzt gerade gehen wollte, hatte ich wieder ein paar Nesseln. Er meinte nur dass die aber nicht mehr von den Tests kommen und ist gegangen. Eine liebe Arzthelferin hat mir noch ein bisschen Kortison-Creme abgefüllt, damit ich die auftragen und den Juckreiz lindern kann.
Wieder eine Sackgasse. Ich habe den ganzen Heimweg im Auto nur noch geweint. Ich wusste einfach nicht mehr wie es weitergehen soll. Der einzige winzige Lichtblick waren die neuen Antihistaminika, die ich mir jedoch immer wieder neu vom Hausarzt verschreiben lassen musste und natürlich die Zuzahlung dazu.

Eine Weile lang hatte ich wieder weniger Probleme mit der Urtikaria. Im 3. Jahr der Ausbildung haben wir die 14 Hauptallergene durchgenommen und sie in einer praktischen Übung verblindet, wie man es für Allergietests im Krankenhaus macht. Zuhause habe ich wieder überall Nesseln bekommen. Zuerst war mir nach Weinen, doch dann habe ich überlegt was anders war als in der letzten Zeit. Und dann kam mir ein Verdacht. Ich habe mein altes Ernährungstagebuch gesucht und erneut nach Auslösern gesucht. Ich habe die Tage und Wochen davor Revue passieren lassen. Und ich habe einen möglichen gemeinsamen Nenner gefunden: Sellerie.

Endlich hatte ich wieder Hoffnung. Ich bin kreischend zu meinem Mann gerannt und hab nur „Sellerie!!! Ich glaube es ist Sellerie mit einer Spätreaktion!“ gerufen. Der wusste erst mal nicht wovon ich überhaupt rede. Aber dann bin ich mit ihm nochmal alles in Ruhe durchgegangen und es hat endlich Sinn gemacht. Im Urlaub, im Sommer, da haben wir wesentlich häufiger frisch gekocht, auch seitdem ich die Ausbildung begonnen hatte. Davor haben wir häufiger mal ein Fertiggericht gegessen oder uns irgendwo etwas zu Essen geholt. Auch Chips durften natürlich manchmal nicht fehlen. Und beim Kochen habe ich sehr oft Brühpulver verwendet.
Ich habe unseren kompletten Haushalt durchgeräumt und alles worin Sellerie in irgendeiner Form drin war auf die Seite gestellt. In den nächsten Wochen habe ich darauf geachtet Sellerie komplett zu vermeiden, was durch die Ausbildung oft sehr schwierig war, aber siehe da, ich hatte kaum Beschwerden. Also habe ich das Gegenexperiment gemacht und bewusst etwas mit Sellerie gegessen. Nach einigen Stunden habe ich Nesseln bekommen.
Ab da war ich mir relativ sicher, dass ich eine Sellerie-Allergie mit Spätreaktion habe. Ich habe gejubelt und vor Freude und Erleichterung geweint.

Da Sellerie ein Hauptallergen ist, ist er kennzeichnungspflichtig, was es einfacher macht ihn zu vermeiden. Oft ist es trotzdem schwierig, da Personal manchmal nicht ausreichend geschult ist (trotz Pflicht aufgrund der LMIV). Auf einer Messe habe ich extra nachgefragt ob sie eine Allergenkennzeichnung (auch Pflicht aufgrund der LMIV) haben. Ich habe die dortige Bedienung extra 3x gefragt, aber naja, offensichtlich enthielt das Essen doch Sellerie. Aber gut, für solche Fälle habe ich mittlerweile immer Antihistaminika dabei. Generell ist es für mich immer mit einem „Risiko“ verbunden Auswärts zu essen.

Aber ein paar gute Seiten hatte die Zeit auch:
1. Man weiß seine Gesundheit und sein Wohlbefinden jeden Tag aufs Neue zu schätzen!
2. Ungesunde Ernährung mit vielen Fertiggerichten ist dadurch echt schwierig geworden, da fast überall Sellerie drin ist. Witziger Fakt: In den Eigenmarken viel seltener als in den teuren Marken.
3. Auch die Leute in meinem Umfeld setzen sich mehr mit den Lebensmitteln und enthaltenen Inhaltsstoffen auseinander. Meine Mama versucht jetzt meistens ohne Convenience-Produkte zu kochen wenn ich mal mitesse und hat dadurch auch viel in ihrer Ernährung umgestellt.
4. Mein Mann mochte Sellerie noch nie sonderlich gerne und ist richtig froh dass er keine Sellerie-Schnitzel mehr bekommt.

An alle die bis hierhin durchgehalten haben:
Danke! Ich hoffe ich konnte euch mit meiner Geschichte zeigen, dass es sich immer lohnt dran zu bleiben, selbst weiterzuforschen und nicht aufzugeben bei der Suche nach dem Auslöser der eigenen Beschwerden.

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