Lisa Hirmer

Rezension zu „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig

Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gesäumt mit all den Leben, die du hättest führen können. Buch für Buch gefüllt mit den Wegen, die deiner hätten sein können.
Hier findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, eröffnet sich für Nora plötzlich die Möglichkeit herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Jedes Buch in der Mitternachtsbibliothek bringt sie in ein anderes Leben, in eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?
Matt Haig ist ein zauberhafter Roman darüber gelungen, dass uns all die Entscheidungen, die wir bereuen, doch erst zu dem Menschen machen, der wir sind. Eine Hymne auf das Leben – auch auf das, das zwickt, das uns verzweifeln lässt und das doch das einzige ist, das zu uns gehört.

„Du musst das Leben nicht begreifen. Du musst es nur leben.“

Nora ist als Charakter zu Beginn des Buches gut nachvollziehbar. Wahrscheinlich hatte jeder schon solche „Was wäre wenn?“ Gedanken. Das macht die Thematik der Geschichte unheimlich spannend. Es ist interessant zu sehen, welche Einflüsse eine einzelne Entscheidung mit sich bringen kann, wie sich Noras Leben verändert, zum Beispiel nur aufgrund einer angenommenen Kaffee-Einladung.
Der Autor zeigt damit, dass wir selbst für unser Leben verantwortlich sind und es in unserer Hand liegt, das Leben so zu gestalten, wie wir es uns wünschen.

Die philosophischen Zitate sind gut eingearbeitet. Sie passen zum Kontext der Geschichte und werden nicht einfach nur in den Raum geworfen.

Noras Entwicklung hätte für meinen Geschmack etwas deutlicher und realistischer verlaufen können. Manchmal hätte ich mir auch etwas mehr Einsicht in die Gefühlswelt von Nora gewünscht. So blieb sie oftmals etwas oberflächlich charakterisiert. Dass Nora mit Depressionen zu kämpfen hat, war zu Beginn ein wichtiges Thema der Geschichte, verliert sich jedoch irgendwo auf den Seiten. Das ist sehr schade. Generell wurden Noras Depressionen nicht gut dargestellt. Man liest nur von situativer Depression, aber erhält keine Einsicht. Da wäre Potenzial nach oben da gewesen.

Durch die kurzen Kapitel liest sich das Buch sehr schnell, durch die verschiedenen Settings wird es nicht langweilig. Der Schluss erschien mir allerdings etwas hektisch, es passierte so viel auf einmal, das konnte man nur noch schwer aufnehmen. Es passte nicht so recht zum gemütlichen Stil des restlichen Buches.

Fazit: Der Thematik hätte zwar etwas mehr Tiefgang gut getan, doch das Buch hat mich trotzdem gut unterhalten. Deshalb gibt es eine Leseempfehlung.

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