Lisa Hirmer

Rezension zu „Das Lilienschloss“ von Josephine Katharina Groß

Alles begann mit diesem seltsamen Foto, das meine Schwester Isabelle, meine Cousine Jane und ich an einem längst vergangenen heißen Sommertag des Jahres 1959 auf dem Dachboden unserer Oma Rosemary entdeckten.
Welches dunkle Geheimnis verbirgt sich hinter dem traurig dreinblickenden Brautpaar, das der siebenjährigen Joanna von einem vergilbten Fotopapier aus entgegenblickt?
Getrieben von ihrer kindlichen Neugier möchte das Mädchen dieses Geheimnis lüften und taucht dabei tief ein in ihre eigene Familiengeschichte. Doch die Pforte zu dieser wird von ihrer eigenen Großmutter seit Jahren mit allen Mitteln gehütet, war sie doch stets zutiefst bemüht darum, ihre Vergangenheit und die ihrer Schwester Liliana für immer hinter sich zu lassen. Denn hinter den Mauern des Lilienschlosses lauert die tragische Geschichte zweier Schwestern, deren Vorstellungen von einem glücklichen Leben nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Zuerst muss ich sagen, dass mir der Schreibstil gut gefallen hat. Die Beschreibungen sind gut und treffend, ohne auszuufern. In die Gefühlswelt der Charaktere konnte ich mich sehr gut hineinversetzen. Dadurch hatte das Buch mich schon während der ersten Seiten gepackt. Ich mag Geschichten, in denen alte Familiengeheimnisse aufgedeckt werden. Was mir dabei oft nicht so gefällt, ist die obligatorische, an den Haaren herbeigezogene Liebesgeschichte zwischen der Protagonistin und dem männlichen Hauptdarsteller, der ihr beim Aufdecken der Geheimnisse hilft. Sowas findet man in dem Buch zum Glück nicht. Hier sind es wirklich nur Gespräche von Joanna mit ihrer Oma, und die haben es echt in sich.

Die Charaktere waren mir sehr sympathisch. Die zwei Schwestern, die so unterschiedliches von ihrem Leben erwarten. Auf der einen Seite Rose, die eigentlich zufrieden ist und sich nicht viel Materielles wünscht. Auf der anderen Seite Lily, die eine naive Träumerin ist und unbedingt Wohlstand erlangen will, komme was wolle. Rose, die sehr auf Etikette bedacht ist, Lily die sehr selbstbewusst und unkonventionell durch’s Leben geht. So hat jede der Schwestern ihre gewissen Charakterzüge, die die Figuren authentisch machen. Lily hat mich fasziniert und durch ihre Willensstärke begeistert. Rose hingegen ist eine durch und durch nette Person.
Die Geschichte die sich entwickelt, als die beiden Frauen die Lords Herbert und Alfred und ihre Schwester Lady Clarissa kennenlernen, ist sehr gut gesponnen. Das Buch hat immer wieder spannende Höhepunkte, die die Story gewaltig vorantreiben, während die restlichen Passagen ehr etwas gemächlicher ablaufen und dadurch mehr Einsicht in die Charaktere ermöglichen. 

Clarissa ist eine großartige Figur! Sie ist einfach ein wahrer Engel, der es trotzdem faustdick hinter den Ohren hat. Die Entwicklung, die sie mit Rose an ihrer Seite durchmacht, ist bemerkenswert. Generell gefällt mir die Charakterentwicklung im Buch. Ich konnte immer genau erkennen, wieso sich eine Figur auf eine bestimmte Weise entwickelt hat. Es gab keine sprunghaften, unrealistischen Entwicklungen, alles war klar nachvollziehbar. 
Was Herbert und Alfred angeht, die zwei Brüder sind so unterschiedlich, wie zwei Menschen es nur sein können. Mehr möchte ich hier kaum sagen, nur dass Herbert ein toller Mann ist, der jedoch mehrere große Fehler begeht und Alfred meine schlimmsten Alpträume bekräftigt.
Frederick kam erst ziemlich spät als Charakter hinzu, deshalb kann ich nicht viel über seine Entwicklung sagen. Trotzdem macht er die Geschichte noch etwas runder. 

Während Rose nach und nach Lilys Traum (und ihren eigenen Alptraum) lebt, habe ich stets mit beiden mitgefiebert, ob sie es doch noch schaffen ihre jeweiligen Wünsche zu leben. Nachdem sie sich zerstritten hatten, habe ich immer gehofft, dass sie das Schicksal wieder zusammen bringt. 
Der Höhepunkt gegen Ende des Buches, war zwar dramatisch, aber nicht übertrieben dargestellt. Das letzte Kapitel verleiht der Geschichte einen schönen Abschluss. 

Ganz besonders hervorheben möchte ich noch die Illustrationen zu Beginn eines jeden Kapitels. Es wird immer die Person abgebildet, aus deren Sicht man liest. Die Charakterskizzen sind dabei immer an den Inhalt des Kapitels angepasst. Eine tolle Idee mit wunderschönen Bildern.

Mein einziges winziges Manko: Ich hätte mich gefreut ein klein wenig mehr über Joanna zu erfahren. Durch die intensive Zeichnung der anderen Charaktere, blieb sie ein wenig blass. Dies stört in der Geschichte aber überhaupt nicht. 

Bekommt das Buch eine Empfehlung? Tausendmal ja!

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